Zum Hauptinhalt

Eine Interviewreihe – Der Mensch hinter dem Titel

mit Dr. Philipp Poyntner,

„Ich wäre gern ein Panda – gemütlich, aber doch nicht völlig wehrlos.“

Ein Satz, der Dr. Philipp Poyntner ziemlich gut zusammenfasst. Der Postdoktorant am Fachbereich Volkswirtschaftslehre forscht über Themen wie Geldpolitik, Ungleichheit und Immobilienmärkte – und wurde für seine Arbeit bereits mit dem renommierten Hanns-Abele-Preis ausgezeichnet. Seine Leidenschaft für die Volkswirtschaftslehre entdeckte er nicht etwa in Wien, sondern in Buenos Aires – ein Funke, der bis heute lodert. Wenn er sich nicht gerade über Inflationsmodelle beugt, powert er sich beim Langstreckenlauf aus oder greift zur Klarinette, um mit der Mostviertler Band „Dritte Hand“ zu musizieren. Sein Musikgeschmack? Eine wilde Mischung aus Lana Del Rey, Salzburger Cloud-Rap und Money Boy – eine Kombi, bei der so mancher Kulturbewahrer vermutlich hektisch nach Luft schnappen würde… aber seine Liebe zur russischen Literatur bringt selbst den fassungslosesten Bildungsbürger wieder in die stabile Seitenlage. Auf die Frage nach seinem Wunschwohnort antwortet er mit einem Augenzwinkern: „Muss ich eh Wien sagen, oder?“ und stellt dabei seinen Wiener Schmäh zur Schau.

 (Man stelle sich nun folgende Interviewsituation mit leicht unterdrücktem Wiener-Dialekt vor:)

Wie Buenos Aires Poyntner auf den Weg zur Ökonomie schubste

„Ich wusste eigentlich nur, dass ich irgendwas studieren werde“, beginnt er seine Ausführung. Die Geschichte startet in Buenos Aires, wo er nach der Matura seinen Gedenkdienst absolvierte – in einem jüdischen Altersheim. Von dort aus hätte vieles passieren können: ein Studium der Philosophie vielleicht, oder auch Politik… Aber dann kam eine Einladung eines Freundes, der schon im Studienalltag steckte: „Da gibt’s diese Makro-Vorlesung, der Typ hat sogar den Präsidenten beraten – ist eine Persönlichkeit. Komm mit nach der Arbeit, das wird sicher lustig.“, riet ihm sein Freund. Philipp Poyntner ging mit – Thema des Abends: Konjunkturzyklen. Nicht gerade die Vorstellung eines lustigen Ausflugs, denke ich mir insgeheim, aber er habe sich gedacht: „Geil. That’s it!“, erzählte er. Zurück in Wien schrieb er sich an der Uni Wien für Volkswirtschaftslehre ein. Als ich nachfrage, ob der Gedenkdienst selbst ihn bei dieser Entscheidung geprägt habe, schüttelt er den Kopf. „Das war der Zufall, … die Makro-Vorlesung in Buenos Aires!“ Und von da an nahm der Weg seinen Lauf – über das Institut für Höhere Studien, zur Österreichischen Nationalbank, und schließlich in die Forschung. Kein ausgekniffelter Masterplan – sondern einfach ein nonchalantes Erlebnis, das seinen Blick erweiterte.

Und noch etwas nahm er aus Buenos Aires mit: fließendes Spanisch. Zumindest steht das so in seinem Lebenslauf. „Es war schon mal besser“, sagt er und lacht. „Aber ich habe noch Freunde von damals, die jetzt in der Schweiz oder Italien leben. Ich besuche sie ab und zu – das Spanisch ist noch fließend da. Das ist nicht gelogen.“ Ein kurzer Seitenhieb auf allzu geschönte Lebensläufe, in denen Sprachkenntnisse manchmal großzügig aufgerundet werden.

Forschung mit Haltung – auch wenn der Markt anderes will

Seine Forschung bewegt sich irgendwo zwischen großen, abstrakten Fragen über Ungleichheit und Geldpolitik bis hin zu einem konkreten Interessensobjekt, wie dem Immobilienmarkt – bleibt aber stets makroökonomischen Fragen treu. „Es hat sich tatsächlich bei mir doch sehr stark verändert“, sagt er, als ich ihn frage, wie sich diese Interessensschwerpunkte entwickelt haben. Was folgt, ist eine Art erzählerische Spurensuche: verschiedene Stationen, unterschiedliche Themen – und ein wachsendes Gefühl für die eigenen Interessen. Am Anfang stand der Arbeitsmarkt – „lustigerweise“, wie er kommentiert. Während seines Masterstudiums arbeitete Poyntner am Institut für Höhere Studien in Wien, zunächst als Studienassistent, dann als Researcher. Die Themen: Steuern und Simulationsmodelle. Ein Einstieg, aber keiner, der ihn langfristig fesselte. Der eigentliche Funke sprang erst später über – während eines Praktikums bei der Österreichischen Nationalbank, im Anschluss an den Master. „Das hat mich dann wirklich beschäftigt und ist seither auch so geblieben.“ Ab da drehte sich vieles um die Geldpolitik. Mit der anschließenden Promotionsstelle an der WU Wien hatte er dann die Möglichkeit, tiefer in die Welt der Zentralbanken einzutauchen – und sich besonders mit unkonventioneller Geldpolitik auseinanderzusetzen. Es ist die Dynamik des Feldes, die ihn fasziniert. „Weil es nie langweilig wird. Zentralbanken entwickeln ständig neue Instrumente, wie sie mit verschiedenen Problemen umgehen können. Da ist gefühlt jeden Monat etwas Neues dabei, im Gegensatz zur Zinspolitik, die es so halt schon seit Jahrzehnten gibt“, erklärt er.

Eine kleine Gretchenfrage muss sein: Würde er – ohne den ewigen Veröffentlichungsdruck im Nacken – völlig andere Themen verfolgen? Seine Antwort überrascht mich ein wenig, aber im positiven Sinne. „Um ehrlich zu sein, mache ich im Moment ziemlich das, was mir taugt. Was wahrscheinlich strategisch ein Fehler ist“, gibt er zu. In der Ökonomie, erklärt er, sei es „g´scheit“ sich sehr eng zu spezialisieren – sowohl auf ein bestimmtes Thema als auch auf eine ökonometrische Methode, um sich durch vertiefte Expertise und Wiedererkennbarkeit bessere Karriereaussichten zu schaffen. „Aber ich hab halt Geldpolitik, ich hab Immobilien, ich hab Ungleichheit. Das ist schon eher breit gefächert.“, gibt er zu. Und trotzdem: Er würde nichts daran ändern und mit einem kurzen Schulterzucken merkt er an, dass er ja auch erst am Anfang seiner wissenschaftlichen Karriere stehe. Man probiere eben vieles aus, sagt er – manches wachse, manches versande. „Das ist ja auch das Schöne an dem Beruf – natürlich gibt es diesen Druck, aber man hat trotzdem extrem viel Freiheit. Und dann werden aus einer kleinen Idee plötzlich vier Projekte – mit Leuten, die sich dafür interessieren. Das ist dann cool.“

Doch von dieser zuversichtlichen Gesprächsstimmung führt es uns schnell in düstereres Gefilde: Ich lenke den Blick aufs große Ganze. „Momentan ist ja die weltliche Lage“, setze ich an und schon müssen wir beide auflachen – Ein Lachen, das weniger Heiterkeit als stille Resignation ausdrückt. „Momentan ist ja alles ein bisschen schief“, versuche ich den Satz möglichst neutral zu beenden. Ich frage ihn, was gerade die drängendsten Themen seiner Disziplin sind. Besonders die Inflation sei ein Dauerbrenner -  trotz umfangreicher Forschung herrsche erstaunlich wenig Konsens. Gerade die letzten Krisen hätten gezeigt, wie schwer sich selbst renommierte Ökonom:innen damit täten, beim Versuch des Erklärens Nachfrage- und Angebotseffekte sauber zu trennen. „Da ist noch Luft nach oben“, stellt er trocken fest.

Mikrodaten, Koffein und der tägliche Wahnsinn
(Wenn Kaffee wichtiger wird als jeder Merger)

Das wahrscheinlich Erste, das man an der Uni lernt – und zwar nicht aus Büchern, sondern durch Selbstversuche –, ist, dass Kaffee die Wissenschaft am Laufen hält. Also interessiert mich natürlich: Wann erreicht Philipp Poyntners Kaffeekonsum seine Höchststände? Er lacht kurz auf, antwortet dann wie aus der Pistole geschossen: „Am ehesten, wenn ich mit Firmen- oder Anleihendaten arbeiten muss.“ Gerade vieles rund um die Geldpolitik gehe stark in Richtung Mikrodaten. „Das ist einfach super mühsam. Oft denke ich mir: Ich sollte einfach purer Makroökonom bleiben – ich lade mir eine Inflationsreihe herunter, 100 Beobachtungen für drei Länder, dann lasse ich irgendein abgespacetes Modell drüberlaufen – super.“ Bei Mikrodaten sehe das ganz anders aus. Er seufzt und zählt auf: hunderttausende oder Millionen Beobachtungen herunterladen und cleanen, die dann noch mühsam zusammengeführt werden müssen- alles dauere ewig. „Und wenn dann irgendein Merger [1]nicht funktioniert – boah – da brauche ich viel Kaffee.“ Ich stimme seinem Leidensmonolog mich dabei durchaus gesehen fühlend zu, und pflichte bei, wie wenig die universitäre Ausbildung die Studierenden auf den echten Kampf mit Rohdaten vorbereitet. „Ja, die empirische Ökonomie besteht zu 80 Prozent aus Scheißarbeit“, zitierte er irgendeinen berühmten Ökonomen – Data Cleaning, Merge-Probleme, Programme, die abstürzen – die Liste sei lang. „Man lernt, damit umzugehen“, sagt Poyntner aufmunternd, „aber es wird nicht wirklich besser.“

Ich hake nach: Gibt es einen Teil der Forschung, der ihm besonders leicht fällt? „Neue Ideen zu haben für Forschungsprojekte“, sagt er ohne zu zögern. Vor allem im Austausch mit anderen ergäben sich immer wieder spannende Ansätze. Aber diese Ideen dann konsequent bis zur Veröffentlichung zu bringen – das sei eine andere Geschichte. „Mit Daten herumspielen, Regressionsergebnisse anschauen – das finde ich super. Aber die Ergebnisse dann niederzuschreiben, das ist dann eher mühsam.“ Zum Glück helfe dabei die Zusammenarbeit mit Co-Autor:innen für eine sinnvolle Aufteilung der Aufgaben.

Bei so viel Kreativität wirft sich mir die Frage auf, ob er eine Art Bucket-List für seine Forschungsideen führt. Er lacht. „Ja, ja, schon. In einem Notizbuch sammle ich meine Research Ideas.“ Aber auch hier brauche es Balance, warnt er sich selbst. Zu viele neue Ideen auf einmal – und irgendwann wird nichts mehr fertig.

Freiheit, Zweifel und ein bisschen Wahrheitssuche

Klar, eigene Ressourcen sind spannend – aber mindestens genauso interessiert mich, ob ihn auf seinem Weg durch die Wissenschaft auch das Imposter-Syndrom begleitet – dieser leise Zweifel, ob man überhaupt ´dazugehört´. „JA, auf jeden Fall!“ und lacht überzeugt: „Hehehehe“. Man orientiere sich automatisch an den Besten, erklärt er, und der ständige Vergleich kann schwierig sein. „Aber, ja, auch die kochen nur mit Wasser.“ Ich werfe ein, dass der Vergleichsaspekt in der Wissenschaft vielleicht noch einmal schärfer sei als in anderen Berufen. Schließlich gehe es nicht um handwerkliche Fähigkeiten, sondern um etwas viel Intimeres: die eigene Intellektualität. Bei Fehlern könne man nicht einfach auf Tollpatschigkeit schieben – sie seien unmittelbarer, persönlicher spürbar. Ob dieser Vergleichsaspekt in unserer Gesellschaft nicht besonders sensibilisiert sei, frage ich nach. Poyntner nickt. „Ja, das ist sicher ein Punkt.“ Ein weiterer Aspekt sei die Auf-sich-allein-Gestelltheit. „Man kriegt halt extrem selten Feedback zu seinen Publikationen“. Auch wenn man auf Konferenzen Feedback bekomme, dass das, was man macht, nicht „komplett zum Kübeln“ sei – sondern dass es tatsächlich Leute gebe, die sich für die eigene Forschung interessieren und sie sinnvoll finden –, bleibe die Bestätigung rar. „ Weil wie oft passiert das? Ein-, zweimal im Jahr, wenn’s hochkommt. Und das ist echt wenig.“ Und trotzdem: Publizieren müsse man – denn ohne Veröffentlichungen blieben logischerweise irgendwann auch die Jobangebote aus.

Da drängt sich die  klassische Frage auf: Warum tut man sich das überhaupt an – den Kampf an der akademischen Front, statt die Karriereleiter in der Wirtschaft zu erklimmen? Ein Motiv zieht sich dabei wie ein roter Faden durch unser Gespräch: die Freiheit. So eine Freiheit, sagt er, finde man in einem großen Betrieb einfach nur selten. „Ich bin praktisch mein eigener Chef – bis auf die Lehre. Ich mag es einfach, mir selber spannende Fragen zu überlegen und daran zu arbeiten.“ Doch nicht nur die Unabhängigkeit zählt für ihn. Auch der Sinn seiner Arbeit sei entscheidend: „Dass es irgendwo Aufgabe ist, eine Wahrheit zu suchen. Das klingt jetzt ein bissl pathetisch, aber es ist mir sympathischer, als PowerPoint-Präsentationen für irgendwelche Meetings zu machen.“ Freiheit und Wahrheit also, fasse ich zusammen. „Und natürlich macht es auch einfach Spaß“, ergänzt er mit einem schelmischen Grinsen.

Lauschet, liebe Studierende: Wie IS-LM und Konsorten plötzlich wieder Sinn ergeben

Mich interessiert, wie es bei Herrn Poyntner mit der Lehre aussieht – Pflichtprogramm oder doch Leidenschaft? Ertappt lachend entgegnet er vielsagend: „Äh, ja, sagen Sies mir!“ „Nein, das meiste macht mir wirklich Spaß“, sagt er dann aber, ohne zu zögern. Nur die Prüfungen zu korrigieren, das sei eher eine lästige Pflicht.

Aber ansonsten? Gerade durch die Lehre habe er die Möglichkeit, wieder zu den Grundlagen zurückzukehren. „Als ich zum ersten Mal auf der WU unterrichtet habe, bin ich beim Makro-Kurs wieder beim IS-LM-PC-Modell gelandet – das, was man am Anfang des Studiums macht und dann jahrelang nie wieder sieht.“ Oder jetzt: In der Statistik-Vorlesung leite er wieder Hypothesentests her, „so richtig back to the roots.“ Man verstehe Dinge eben erst wirklich, wenn man sie lehre, meint er.

Ich hake zu den Basics der Makroökonomie nach: Sind Modelle wie die Philipps-Kurve oder auch IS-LM nicht längst überholt? Haben sie überhaupt noch ihre Berechtigung? Poyntner nickt nachdenklich. „Das ist eine gute Frage.“ Prinzipiell, erklärt er, sei es aber gerade zu Beginn wichtig, erst einmal die Sprache der Ökonomie zu lernen: Was ist eine endogene Variable, was ein exogener Schock? Was bedeutet Gleichgewicht – und wie stellt man es dar? „Diese Grundingredienzien hat man bei einem einfachen IS-LM-Modell genauso wie bei viel komplizierteren Modellen.“ Deshalb sei es wichtig, sich methodisch einzuarbeiten. „Ich finde das schon g’scheit so.“ Auch er selbst habe sich im Studium gefragt, warum bestimmte Aspekte – wie Gewerkschaften bei Lohnverhandlungen – in solchen Basismodellen fehlen. Aber genau da liege der Punkt, meint er: „Man muss den Studierenden besser vermitteln, dass es darum geht, die Dynamiken von Modellen zu verstehen – und dass niemand behauptet, dass das der Weisheit letzter Schluss ist.“

Zwischen Mostviertel-Sounds und Billa-Entdeckungen

Bei der Vorbereitung auf das Interview scrollte ich nichtsahnend durch sein Twitter/X-Profil – und zack: Philipp Poyntner spielt „occasionally“ Klarinette für die Mostviertler Band Dritte Hand. Klar, dass ich da gleich mal reingehört habe. „Aber ehrlich gesagt“, gestehe ich ihm, „ich schaffe es nicht, die Texte zu entschlüsseln.“ Poyntner grinst. Ja, kann ich mir vorstellen, ist ein harter Dialekt. Ich versteh auch nicht immer alles.“ Er selbst sei ja nicht aus dem Mostviertel, sondern aus der Wiener Umgebung. Ob er dennoch Leitmotive identifizieren kann, die sich durch die Songs ziehen, frage ich neugierig. „Boah, schwierig.“ Viele Lieder würden sich einfach beim Jammen ergeben, erzählt er; an den Texten sei hauptsächlich der Sänger beteiligt.  Inhaltlich beginne es oft mit etwas Greifbarem – einem konkreten Bild oder Thema – und verpuffe dann ins Abstrakte. „Zwischen Realität und ja… Nicht-Realität“, beschreibt er es fast schon philosophisch. Viel gehe es letztlich um zwischenmenschliche Beziehungen – „auf einer sehr psychedelischen und lautmalerischen Ebene.“

In der Schulzeit hatte er klassische Klarinette gelernt, erzählt er, doch nach einer längeren Pause entfachte erst das freie Improvisieren – irgendwo zwischen Reggae und Pop – seine Lust auf die Musik wieder neu. Über einen ehemaligen Studienkollegen sei er schließlich in die Band hineingerutscht. „Ich spiele nicht bei jedem Auftritt mit, aber bei größeren Sachen bin ich dabei.“ Einige Bandmitglieder seien Profimusiker und lebten von der Musik – für ihn selbst sei das Ganze vor allem ein Ausgleich: „So ab und zu bei ein paar Songs bissl was reinzutüdeln – das passt gut für mich.“

Und was hört er sonst so? Seine momentane Lieblingskünstlerin: Lana Del Rey. Sein Lieblingssong: Chemtrails Over the Country Club. Damit habe er auch angefangen, sie überhaupt zu hören, erzählt er – und lacht, als er sich erinnert, wie das passiert ist: „Ich hab den beim Einkaufen im Billa gehört. Ist natürlich nicht der beste Ort, um einen Song kennenzulernen – aber der hat mich so beeindruckt, dass ich ihn mir danach gleich angehört habe.“ Ich werfe ein, dass das wohl Schicksal gewesen sein müsse. Wir lachen. „Ja, genau. Und wenn ein Song das schafft – beim Billa – dann muss er wirklich gut sein“, meint er grinsend.

In dem Kontext erwähnt er noch eine kleine Anekdote, die ihn besonders gefreut hat: Letztes Semester habe er einen Makro-Kurs an der WU unterrichtet und bei der Kursevaluierung habe es ein freies Kommentarfeld gegeben. Ein lobender Eintrag sei ihm da besonders hängen geblieben: „Der Lana-Del-Rey-Hoodie, den der Professor mal angehabt hat.“ „Das hat mich wirklich sehr gefreut!“, sagt er strahlend. Ich kommentiere, dass sich sein Fan-Sein also schon bezahlt mache. Er lacht: „Ja, wenn sonst nichts hängen bleibt, ist’s vielleicht nicht ideal – aber ein bissl Engagement schadet auf jeden Fall nicht.“

Ansonsten höre er auch deutsche Musik, erzählt er: „Money Boy und Haiti höre ich gern..., so Rap.“ Er giggelt ein wenig, wohl wissend, dass seine Antwort mehr auf Irritation als Verständnis trifft. Dann rätselt er weiter und scrollt bestrebt durch sein Spotify. „Jetzt muss ich nachschauen, was da so war!“ Ich lobe sein Engagement dankbar, und tatsächlich findet er wenig später, was er gesucht hat: „Ah ja!“ Sein besonderer Bezug zu Salzburg: die lokale Cloud-Rap-Szene – „Hanuschplatzflow, Young Krillin, Crack Ignaz und Lex Lugner. Das höre ich viel.“ Ich schaue etwas ratlos – er lacht: „Ahh, hören Sie mal rein! Das kann man schwer erklären – aber Salzburg hat da echt eine große Rolle gespielt.“

Ein poyntierter Blick auf Herkunft und Barrieren

Im Gespräch erinnere ich Philipp Poyntner an ein altes Zitat von ihm, gefunden in einem Artikel zur ÖH-Wahl in Wien: „Ich will etwas gegen soziale Barrieren tun, die Herkunft entscheidet leider noch viel zu oft über die Möglichkeiten.“  Wie setzt er sich heute, in Forschung oder Lehre, noch für dieses Anliegen ein? Er schaut mich überrascht an, schon fast ein bisschen nostalgisch: „Von meiner ÖH-Zeit! Alte Zeiten!“ Man könnte fast meinen, er würde gleich alte Wahlslogans auspacken – aber stattdessen wird er schnell wieder ernst. In der Lehre, sagt er, versuche er vor allem, die Studierenden gut mitzunehmen – gerade in interdisziplinären Kursen, wo viele unterschiedliche Backgrounds aufeinandertreffen. „Die Möglichkeit geben, dass sie zu mir kommen können“, beschreibt er seinen Ansatz. Manche würden das Angebot annehmen, manche nicht. „Vielleicht hilft das ein bisschen – aber vielleicht auch nicht. I don't know.“ Er lacht leise. Und in der Forschung? Ungleichheit zu beforschen sei vielleicht per se gut, aber ob seine eigene Forschung tatsächlich etwas bewirke? „Glaub´ ich nicht“, entgegnet er bescheiden, woraufhin ich einwerfe, dass er damit zumindest Missstände aufzeige. „Ja, man kann vielleicht ein bisschen zum Nachdenken anregen – aber auch nicht zu viel.“ Ein Hauch Wiener Schmäh blitzt erneut hindurch – und vielleicht auch ein leises Echo des Imposter-Syndroms.

Seine eigene Herkunft beschreibt er als „relativ klassisch“: ein Kind aus einer bildungsbürgerlichen Mittelstandsfamilie. „Was mir, glaube ich, schon sehr Vieles sehr stark erleichtert hat.“
Ob in der Schule oder an der Universität, erzählt er. Auch heute, sagt er, gehe er anders ins Arbeitsleben als jemand ohne finanzielles Sicherheitsnetz: „Wenn es hart auf hart käme, könnte mich meine Familie auffangen. Das macht schon einen Unterschied – auch im Umgang mit dem oft prekären, wissenschaftlichen Arbeitsleben.“ Sechs Jahre PhD, resümiert er trocken, „da wird man jetzt nicht reich.“

Ob es in seiner Familie berufliche Vorbilder gegeben habe? Poyntner lacht kurz auf: „Gar nicht so. Ich bin eigentlich das schwarze Schaf der Familie – weil ich kein Lehrer bin.“ Die Bilanz: Eltern? Lehrende. Bruder? Lehrer. Er selbst? „Naja, immerhin Hochschullehrer.“ Und noch eine kleine Familienbesonderheit: „Ich bin auch der Einzige, der kein Russisch sprechen kann.“ Alle anderen würden  Russisch unterrichten. „Ökonomie hat eigentlich niemand in meiner Familie gemacht“, erzählt er und schmunzelt. „Das war eher ein bisschen random.“ Auch wenn die Ansammlung an Lehrberufen in seiner Familie etwas anderes vermuten ließe, habe es keinen festen familiären Fahrplan gegeben: „Meine Eltern haben mir da wirklich komplette Freiheit gelassen.“

Die Schnellfragerunde: 10 Points about Poyntner

1. Lieblingsbücher

- The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy von Douglas Adams – „saulustig, der Humor holt mich komplett ab.“
- Der Meister und Margarita von Michail Bulgakow – „epische Geschichte, wunderschöne Sprache.“ (man müsse aber den russischen Erzählstil lieben)

2. Traum-Dinnergäste (tot und lebendig)

- David Bowie
- Christine Lagarde – „mit ihr über Geldpolitik reden – sicher sau spannend, hehe.“

3. Lieblingsmärchen

Alice im Wunderland („falls das als Märchen zählt!“)

4. Wunschwohnort

Er lebe ja eh noch dort – aber: Wien

 5. Wunschtier

Panda Bär – „Is irgendwie gemütlich oder?“

(Auf die Frage, warum er dann nicht das Faultier wähle, antwortet er überzeugt: „Naa, zu gemütlich. Zu sehr ausgesetzt.“ Dann schlussfolgert er erneut, nun schon fast ein wenig verträumt: „Ein Panda ist, glaube ich, einfach ziemlich gemütlich, ja.“)

6. Was man nicht von ihm erwartet

„Was viele Leute überrascht, wenn sie mich noch nicht kennen, ist, dass ich Langstreckenläufer bin.“
Ich (überrascht): „Ach, cool!“ Poyntner lacht und erklärt: „Langstreckenläufer stellt man sich ein bisschen anders vor.“ Neben dem Laufen betreibe er noch andere Sportarten, erzählt er: „Ein bisschen Langlaufen im Winter, Snowboarden ab und zu, Mountainbiken – aber das eher selten. Laufen ist mein Go-to-Sport“.

7. Was er gerne herausfinden würde

Wie man Inflation ein für alle Mal zähmen kann.

8. Schlechte Angewohnheit

Zu spät kommen

(wir sinnieren an dieser Stelle kurz darüber, ob er in den Lehrveranstaltungen, in denen ich ihn hatte, jemals zu spät erschienen ist – und kommen schließlich überein: Nein, tat er nicht. „In der Lehre reiß ich mich z’sammen, aber sonst…“)

9. Was er gern mal ausprobieren würde

Skispringen

10. Professur als Ziel?

Ja.

Mein Resümee! Manchmal liegen die spannendsten Verbindungen genau dort, wo man sie nicht erwartet: Zwischen volkswirtschaftlichen Modellen, Mostviertler Dialekten und einer Laufstrecke irgendwo zwischen Wien und Salzburg. Das Gespräch hat gezeigt, dass hinter der trockenen Fassade der Ökonomie manchmal dann doch ziemlich viel Leben steckt.

 Redakteurin: Karolin Mayer